BIEST
Quadrat

Nach einhundert Jahren ist das, was mit nachdrücklicher Geste stellvertretend den Platz einer Ikone einnahm, längst selbst zur Ikone geworden. Malevichs Schwarzes Quadrat (auf weißem Grund) nahm in seiner erstmaligen Präsentation am 07. Dezember 1915 in der Galerie Dobytčina in Petrograd die Position ein, die in einem traditionellen russischen Haus einer religiösen Ikone vorbehalten ist.

Malevich wird dazu wie folgt zitiert: „Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld … Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.“ Dass darunter (also unter der sichtbaren Bildoberfläche) nun ein weiteres Bild vermutet wird, hätte vorausgesehen werden können. Für die Erscheinung ist zuerst einmal die Oberfläche – die Qualität des Trägers aber eben nur in Teilen – relevant. Und die Vielschichtigkeit ist eben immer zugegen; Straffung und Klarheit aber der Wille.

Josef Albers antwortet auf die Frage, ob Malevich und Mondrian nicht schon alles mit dem Quadrat Sagbare gesagt hätten: „Nein. Mondrian hat niemals ein richtiges, ein präzises Quadrat gemalt. Und Malevitsch hat es nur selten mathematisch gezeigt. Ich glaube, prinzipiell gibt es keine endgültige Lösung in visueller Formulierung. Jede Form verlangt wiederholte ‚Performance’.“

Auch die neue Quadratserie von BIEST – zwei quadratische Stoffe aufeinander gelegt, und so vernäht, dass Arme, Kopf und Körper sich einfügen können – strapazieren den Gedanken der Gegenstandslosigkeit und den der Performance. Eine Gegenstandlosigkeit nämlich, die mit der Befüllung durch den Träger, wiederum Körper, Objekt, Gegenstand wird. Worin sonst könnte auch sein Gehalt, seine Gestalt liegen? Überraschend konturierend zudem. Es bedarf immer eines Raums für die Wiedergabe, den Widerhall, die Resonanz: Der weiße Grund bei Malevich, der Rahmen zum Bild, die Grenze zur anderen Farbe, Kontur, Bedeutung. Es wäre zu einfach, imNichts immer nur das immanente Ganze zu sehen. Bei BIEST treffen hier der Platonische Körper (also Körper mit größtmöglicher Symmetrie) und unsere Körper (also Körper, die erst menschlich, weil asymmetrisch sind) in wiederholter Performance zusammen. Wenn Symmetrie das ästhetische Empfinden von Schönheit/Wahrheit befördert; gewinnen wir?

 

Foto: Ina Schoenenburg/OSTKREUZ

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